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Ecosystems

Fenster auf!

Ökosysteme reagieren sensibel auf den Wandel ihres Lebensraums. Auch die deutschen Autobauer müssen sich auf den Wandel des globalen „Automotive Ecosystem“ einstellen. Das geht nicht ohne Öffnung und Neupositionierung des eigenen Ökosystems.

Von Dr. Thomas Schiller, Leiter Automobilindustrie, und Andreas Harting, Managing Director Deloitte Digital

Ob Organismus oder Organisation: Ökosysteme können nur überleben, wenn sie sich schnell genug auf Veränderungen einstellen. Dieses Talent zum Wandel, zu Symbiosen und Kooperationen ist gefordert und bedarf einer Öffnung des Ökosystems - dies gilt in der Natur ebenso wie in Wirtschaft und Technologie. Und ganz besonders gilt dies für die Autoindustrie, der ein fundamentaler Wandel durch digitale Technologien bevorsteht. Ohne einen Umbau der „Ecosystems“ und die Schaffung von Richtlinien und Standards geht das nicht! Hier ist noch viel zu tun in München, Stuttgart, Wolfsburg – und in Berlin, wo der Gesetzgeber die neu entstehenden Rechtsfragen bei Versicherungs- und Datenschutz sowie vielen anderen neuen Feldern klären muss. Zugleich muss sich die deutsche Autobranche vom „Not invented here“-Syndrom befreien und bereit sein, das Morgen so radikal zu denken, wie es vermutlich kommen wird.

Zwar haben Automobilkonzerne Erfahrung darin, selbst als vielschichtiges und wertschöpfendes Ökosystem zu funktionieren. Dennoch zögern die meisten Autobauer trotz nahender, fundamentaler Herausforderungen, wirklich das Steuer herumzureißen und sich der betriebsfremden Innovationsdynamik und damit neuen Partnern zu öffnen. Das Auto hat begonnen, sich in einen rollenden Entertainment-Palast zu verwandeln: Mit Apple CarPlay stellt bereits ein branchenfremder Konzern die Weichen für dieses Morgen, in dem PS dank automatisiertem Straßenverkehr weniger zählen werden als App-Auswahl, Konnektivität und ein Angebot von verschiedensten Services. Ausstoßfreier Antrieb und computergesteuertes Autofahren sind nur ein kleiner Teil der allgemein erwarteten Zukunftsszenarien, und deren Entwicklung setzt ein gigantisches Maß an koordinierter Entwicklung, vernetzter Innovationskraft und Erfindungsreichtum voraus.

Dabei müssen sich die Autokonzerne selbst neu erfinden und ihre Technologie- und Produktbestandteile auch entlang der zerfallenden Wertschöpfungsketten positionieren, um im grenzenlosen Sortiment auf dem Automotive-Marktplatz von morgen mit seinen unzähligen Lieferanten präsent zu sein. Die stolze Sammlung von deutschen Auto-Erfindungen und Patenten „powered by German Engineering“ weist auf eine hohe hiesige Kompetenz in jenen Bereichen des Autos hin, die auch morgen noch eine Rolle spielen werden: Fahrwerk, Sicherheit, Design. Nachholbedarf liegt dagegen noch bei der Einbindung von werksfremden Technologien, von Video-Entertainment, Internet- und anderen Services und Optionen, die im digitalen Zeitalter eine gewaltige Rolle spielen werden.

Um mit der atemraubenden Innovationsgeschwindigkeit und der globalen Entwicklung Schritt halten zu können, sind neue Bedienkonzepte und offene Benutzerschnittstellen die Standards, die jene digitalen Lebenswelten in rollenden Multimedia-High-Tech-eCars von morgen ermöglichen und definieren werden. Das alles geht nicht ohne eine Öffnung der in der Autoindustrie bislang streng geschlossenen Ökosysteme, die immer mehr mit anderen Branchen in Berührung kommen: Internet, Telekommunikation, Hardware, Multimedia, dazu Navigationsanbieter und weitere Branchenneulinge wie Apple und Google, die in den Markt drängen. Die Wertschöpfungsketten wie auch der Markt werden sich neu erfinden, und die geheimniskrämerische Abschottung weicht offenen, skalierbaren Infrastrukturplattformen und modernen APIs.

Alle Fähigkeiten, die in deutschen Autohäusern noch nicht vorhanden sind und deren Aufbau man im Wettbewerb nicht schnell genug erreichen kann, sollten eher von außen geholt und bestmöglich genutzt werden, statt ganz darauf zu verzichten oder sich in Eigenentwicklungen zu verlieren. Der Kunde von morgen erwartet eine Öffnung der Systeme, eine multilaterale Konnektivität und Kompatibilität sowie die vielbeschworene „seamless experience“, ermöglicht durch eine automatische Anbindung und Synchronisierung aller Kommunikations- und anderen Geräte, unabhängig vom Hersteller. Angesichts der Konkurrenz durch Branchenneulinge sind neue Wege mit geeigneten Allianzen und Initiativen entlang der gesamten Wertschöpfungskette gefordert. Firmen, die lernen, auch vermeintlich winzige Startup-Ökosysteme und firmenfremde Produkte und Services erfolgreich zu integrieren, werden durch deren exponentielle Reichweite und Skalierbarkeit, Vernetztheit und Innovationseifer profitieren.

Die deutschen Autobauer sind daher gut beraten, ihre Ökosysteme mittel- und langfristig durchgehend digital zu gestalten. Dies nimmt einige Zeit in Anspruch. Für die Übergangszeit empfiehlt sich ein Nebeneinander von herkömmlicher, analoger Systemarchitektur und dem neuen, digitalen Ökosystem. Dieses bildet die bisherige Systemsäule komplett digital ab und läuft redundant neben ihr, bis die komplette Umstellung erfolgen kann. Spätestens dann sollten auch brauchbare Konzepte und Erfahrung vorhanden sein, um digital und effizient mit modernen Kunden wie auch digitalen Partnern zu kommunizieren und ihre Wünsche zu bedienen.

Durch die Offenheit für neue Techniken, Startups und Universitätsprojekte, TechLabs und Accelerators können Autounternehmen vermeiden, an der Unbedingtheit ihres Own-IP-Diktats zugrunde zu gehen. Nur wer angesichts einer Zukunft, die Mobilität vermutlich völlig neu definieren wird, bei der Integration verfügbarer Innovationen im Rennen bleibt, hat Chance auf einen Platz im Automotive-Ökosystem von morgen. Da ist es ganz egal, wo genau etwas erfunden wurde.

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