Für die Schweiz ist der internationale Handel von grosser Bedeutung. Ihre Aussenhandelsquote ist doppelt so hoch wie der OECD-Durchschnitt. Seit ein paar Jahren steht der freie Austausch von Waren und Dienstleistungen durch Handelskriege, Protektionismus und einem Trend zur Deglobalisierung unter Druck. Covid-19 hat diese Entwicklung noch verstärkt. Für die Schweiz verheisst das nichts Gutes. Es ist deshalb wichtig, dass die Politik zusätzliche Freihandelsabkommen schliesst und den langfristigen Zugang zum europäischen Binnenmarkt, dem grössten Handelspartner der Schweiz, sicherstellt. Unternehmen ihrerseits müssen ihre globalen Lieferketten und Firmenstandorte optimieren und die Vorteile der Digitalisierung besser nutzen.

Unsere Empfehlungen

Mit diesen Massnahmen können Politik und Unternehmen die Handelshürden abbauen und die Digitalisierung beschleunigen und somit den Austausch von Waren und Dienstleistungen vereinfachen.

Staat

    Deregulierung und Vereinfachung des Zollsystems

    Deregulierung und Vereinfachung des Zollsystems

    Der Schweizer Handel leidet unter einem unübersichtlichen Zollsystem. Gemäss dem «Global Competitiveness Report» des WEF belegt die Schweiz bei der Unterkategorie der Komplexität des Zollsystems unter allen 141 untersuchten Ländern den letzten Platz. Dies dürfte vor allem an den Einfuhrbestimmungen der Agrargüter liegen. Diese sind hochgradig komplex und protektionistisch. Die Kosten dafür tragen vor allem die Konsumenten und die Steuerzahler – und diese Kosten betragen laut Avenir Suisse jährlich rund 20 Mrd. CHF. Ein schrittweiser Abbau dieser Handelshemmnisse hätte somit hohe Wohlfahrtsgewinne zur Folge, und das nicht nur für die Konsumenten und Steuerzahler. Das Beispiel der Liberalisierung des Schweizer Käsemarktes von 2007 zeigt, dass auch inländische Produzenten vom Freihandel profitieren können: Die infolge der Liberalisierung steigenden Exporte konnten die Marktanteilsverluste, die aufgrund der vereinfachten Einfuhren ausländischer Käsesorten entstanden, mehr als kompensieren. Zudem führte die höhere Wettbewerbsfähigkeit der Käseproduzenten nicht nur zu tieferen Preisen, sondern auch zu einer grösseren Produktvielfalt.

    Tiefere Zölle allein bedeuten jedoch noch nicht automatisch einen Abbau von Handelshemmnissen. Auch wenn die Zölle beim Import von Industriegütern bereits relativ tief sind, gibt es sogenannte «Schattenzölle». Sie entstehen, weil Firmen relevante Daten erheben, Zölle veranlagen und Ursprungsnachweise erstellen müssen. Sind Industriegüter durch Freihandelsabkommen zollfrei, muss der Importeur anhand von Dokumenten belegen, dass die Zollbefreiung berechtig ist. Eine Abschaffung der Importzölle, wie sie der Bundesrat Ende des letzten Jahres vorgeschlagen hatte, wurde allerdings vom Parlament abgelehnt. Es wäre zu begrüssen, wenn diese Diskussion wieder aufgenommen würde.

    Auch wenn die Abschaffung der Industriezölle vorerst auf Eis gelegt wurde, hat die Eidgenössische Zollverwaltung kürzlich mit dem Digitalisierungsprojekt DaziT zumindest die Abfertigungsprozesse vereinfacht. Laut Schätzungen können Schweizer Firmen im grenzüberquerenden Warenverkehr dank DaziT jährlich rund 125 Mio. CHF an Regulierungskosten einsparen. Weil DaziT aber nicht mit einer Vereinfachung der Einfuhrsteuer einhergeht, bleibt der Nutzen des Systems allerdings beschränkt.

    Erhaltung der bilateralen Verträge mit der EU

    Erhaltung der bilateralen Verträge mit der EU

    Der wichtigste Handelspartner der Schweiz ist die Europäische Union. Mehr als die Hälfte der Schweizer Exporte und fast drei Viertel der Importe gehen beziehungsweise stammen aus der EU. Die Beziehungen zur EU sind für den Schweizer Handel deshalb von zentraler Bedeutung. Die Schweiz hat seit 1999 verschiedene bilaterale Abkommen mit diesem wichtigsten Handelspartner, die die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen regeln. Das Verhältnis zwischen der EU und der Schweiz gerät allerdings zunehmend unter Druck: Die EU ist nicht bereit, bestehende Binnenmarktabkommen nachzuführen, solange kein Rahmenabkommen unterzeichnet ist. Dazu kommt, dass die SVP eine Initiative eingereicht hat, die die Kündigung der Personenfreizügigkeit fordert und die bilateralen Verträge grundsätzlich infrage stellt. Das Schweizer Stimmvolk wird im September darüber entscheiden.

    In gewissen Teilen der Wirtschaft hat das zögerliche Verhalten der Regierung bereits zu grosser Verunsicherung, Stellenabbau und Einbussen geführt. Die Schweiz sollte deshalb nach der Abstimmung umgehend Vorschläge für das Rahmenabkommen präsentieren. Der Erhalt der bilateralen Abkommen sollte oberste Priorität geniessen, da er Basis und Voraussetzung für weitergehende Vertiefungen, wie beispielsweise ein Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU ist.

    Überarbeitung und Ausbau strategischer Freihandelsabkommen

    Überarbeitung und Ausbau strategischer Freihandelsabkommen

    Die Schweiz hat neben den Abkommen mit der EU und der EFTA 28 Abkommen mit 38 Partnerländern, die einen gegenseitigen, privilegierten Marktzugang sicherstellen. Diese Freihandelsabkommen unterscheiden sich bezüglich ihrer Bestimmungen und lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: In einfache Abkommen der ersten Generation und in umfassendere Wirtschaftsabkommen der zweiten Generation. Während erstere primär auf Bestimmungen zum Warenverkehr wie Zölle, technische Handelshemmnisse oder Schutz des geistigen Eigentums fokussieren, regeln die moderneren Abkommen auch Bestimmungen über Dienstleistungen, Investitionen, öffentliches Beschaffungswesen oder Handel mit Nachhaltigkeit.

    Die Schweiz sollte die bestehenden Abkommen der ersten Generation überarbeiten und erweitern, denn der Handel mit Dienstleistungen ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, und diese Wichtigkeit nimmt auch weiter zu: Der Ausbau des Home-Office während der Corona-Krise etwa wird den Trend hin zur internationalen Arbeitsteilung im Dienstleistungssektor noch verstärken. Viele Abkommen werden dieser Veränderung jedoch noch nicht gerecht.

    Zum anderen gilt es, neue strategisch vorteilhafte Abkommen zu schliessen. Interessante Partner wären beispielsweise grosse Volkswirtschaften wie Indien oder Australien – mit Indien laufen diesbezüglich bereits Verhandlungen. Für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist es wichtig, dass sie gegenüber anderen Ländern nicht aufgrund fehlender Abkommen benachteiligt wird. Falls sich die protektionistische Haltung der Schweiz gegenüber dem eigenen Agrarsektor als fortwährendes Hindernis für wichtige neue Abkommen herausstellen sollte, müsste allein schon aus diesem Grund ein schrittweiser Abbau der Handelsschranken in Betracht gezogen werden (siehe Handlungsempfehlung 1).

    Erneuerung des Datenschutzes

    Erneuerung des Datenschutzes

    Die Schweiz kennt ein weniger strenges Datenschutzniveau als die EU. Letztere will deshalb prüfen, ob das Schweizer Datenschutzgesetz das erforderte europäische Schutzniveau garantiert. Konkret betrifft dies beispielsweise den Umgang mit Persönlichkeitsprofilen für personalisierte Werbung von Personen aus der EU. Käme die EU-Kommission zum Schluss, dass die Schweiz das europäische Schutzniveau nicht garantiere, hätte das negative Folgen für die Schweizer Volkswirtschaft und insbesondere für die KMUs. Vor jedem Geschäftsabschluss müssten die Unternehmen dann nachweisen können, dass die geforderten Datenschutzstandards eingehalten werden. Dieser bürokratische Mehraufwand würde unnötige Kosten verursachen und generell einen Wettbewerbsnachteil für Schweizer Firmen bedeuten. Anpassungen des Schweizer Gesetzes sind demnach angebracht und ohnehin notwendig, denn das heutige Gesetz stammt aus dem Jahr 1993 und verdient längst ein Update auf das digitale Zeitalter.

Unternehmen

    Bewertung des Reifegrades der Trade-Compliance-Prozesse

    Bewertung des Reifegrades der Trade-Compliance-Prozesse

    Ein immer strenger werdendes regulatorisches Umfeld erfordert von Unternehmen einen immer grösseren administrativen Aufwand zur Einhaltung internationaler Zoll- und Handelsvorschriften. Komplexe Exportkontrollvorschriften schränken den grenzüberschreitenden Verkehr von bestimmten Waren und Technologien ein, und Verstösse gegen solche Exportkontrollen werden hart geahndet: Es ist nicht ungewöhnlich, dass Vollzugsbehörden Bussgelder im sieben- bis achtstelligen Bereich oder kurzfristige Ausfuhrverbote verhängen.

    Für Unternehmen ist es deshalb entscheidend, den Reifegrad ihrer Trade-Compliance-Prozesse zu analysieren. Sie müssen überprüfen, wie sie in Sachen Handelsvorschriften aufgestellt sind. Mit modernen Softwarelösungen kann sichergestellt werden, dass beispielsweise alle Handelspartner zeitnah überprüft werden und somit vermieden werden kann, dass mit verbotenen Personen oder Unternehmen Geschäftsbeziehungen eingegangen werden. Zudem kann die Qualität und Richtigkeit von handelsrechtlich relevanten Datenelementen wie Zolltarifnummern, Exportkontrollnummern und Warenursprung optimiert werden. Damit lassen sich Zeit, Kosten und etwaige Bussgelder oder Ausfuhrverbote und der damit einhergehende Reputationsschaden einsparen. Zudem kann bei Problemen schnell und proaktiv gehandelt werden. Zu guter Letzt ermöglicht eine solide Datenqualität auch, vertiefte Analysen durchzuführen, um weitere Einsparmöglichkeiten zu identifizieren. So erhalten Unternehmen auch mehr Transparenz bei den Zollkosten und können bereits bei der Beschaffung Lieferanten in unterschiedlichen Ländern besser vergleichen und in ausserordentlichen Situationen wie der COVID-19-Pandemie flexibler agieren. Diese Chancen der Digitalisierung sollten genutzt werden.

    Neubewertung der Lieferketten

    Neubewertung der Lieferketten

    COVID-19 hat vielen Unternehmen schmerzhaft aufgezeigt, wie verwundbar ihre aktuellen Lieferketten sind. Die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten und geografischen Regionen war (und ist) insbesondere in der Automobil-, Elektronik- und Pharmaindustrie zu spüren. Mehr als 200 der Fortune Global 500 Unternehmen sind in Wuhan präsent, der Industrieregion in China, die als allererstes Gebiet einen Lockdown angeordnet hatte. Viele Unternehmen haben den Fokus zu lange nur auf Kostenoptimierung und Just-in-time-Produktion gelegt. Sie müssen nun ihre globale Wertschöpfungskette neu überdenken und sich zusätzlich zur strategischen Nutzung von Freihandelsabkommen auch auf die Resilienz bezüglich grösserer Schocks konzentrieren. Eine breitere Lieferantenbasis zum Schutz vor Unterbrechungen und andere Massnahmen zur Risikodiversifikation werden unumgänglich sein. Eine Verlagerung näher an die lokalen Absatz- oder Heimatmärkte (Glokalisierung) könnte als Option ebenfalls in Betracht gezogen werden. Schweizer Unternehmen sollten bei einer Neuausrichtung der Lieferkette insbesondere auch Länder in Osteuropa, dem Nahen Osten und der Mittelmeergegend in Betracht ziehen.

    Bessere Nutzung von Automatisierung und digitalen Lieferketten-Netzwerken

    Bessere Nutzung von Automatisierung und digitalen Lieferketten-Netzwerken

    Großes Verbesserungspotenzial besteht für Unternehmen auch bei der Automatisierung der zahlreichen Prozesse, die mit dem internationalen Handel einhergehen. Mit Hilfe globaler Handelsmanagement-Plattformen können sowohl die Erfassung als auch die Nutzung handelsbezogener Daten optimiert werden, so dass die End-to-end-Effizienz gesteigert und Kosten eingespart werden können. Solche Tools gewähren tiefe Einblicke in die immer komplexer werdende Welt des grenzübergreifenden Handels und ermöglichen es Führungskräften, auf einer breiteren Datengrundlage Entscheide zu treffen.

    Dasselbe gilt für die Wertschöpfungskette. Die COVID-19 Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine möglichst detaillierte Übersicht der Lieferkette ist. Hier sind Unternehmen mit einem digitalen Liefernetzwerk (Digital Supply Network, DSN) im Vorteil. In einem DSN wird die lineare Sicht auf die Lieferkette in ein Netzwerk mit einem digitalen Kern transformiert, wo die einzelnen Bereiche so aufgebrochen werden, dass sämtliche Wertschöpfungsstufen miteinander verbunden sind. Dies ermöglicht eine durchgehende Sichtbarkeit und verbessert die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch. Mit einem DSN können Unternehmen in einem volatilen Umfeld effizienter auf unerwartete Ereignisse wie regulatorische Änderungen, Insolvenzen, Lieferausfälle, plötzliche Nachfrageänderungen oder kriegerische Konflikte reagieren. Dies wird auch in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen.

    Optimierung der internationalen Standortstrategie

    Optimierung der internationalen Standortstrategie

    Für multinationale Unternehmen ist die Standortstrategie ein entscheidender Faktor für den Unternehmenserfolg. Die globale Präsenz dieser Unternehmen beeinflusst die operativen Kosten, die Verfügbarkeit von geeigneten Arbeitskräften sowie die Nähe zum Kunden und hat Auswirkungen auf die Besteuerung und das allgemeine Risiko. Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Standortstrategie aber auch zoll- und handelsspezifische Überlegungen berücksichtigt. Diese Punkte wurden in der Vergangenheit in vielen Unternehmen noch zu wenig beachtet. Im zunehmend komplexen und digitalisierten Handelsumfeld entstehen jedoch laufend neue Möglichkeiten zur Optimierung, die in die Entscheidungsfindung einfliessen sollten. Eine adäquate Vorgehensweise kann einen wesentlichen Beitrag zu Kostensenkungen haben, denn die Ein- und Ausfuhrfuhrbestimmungen können sich von Land zu Land je nach Produkt stark unterscheiden. Multinationale Unternehmen müssen ihre Standortstrategie und ihr Geschäftsmodell ganzheitlich analysieren und optimieren. Dabei können sie von einem internationalen Netz an Handelsabkommen profitieren.

    Ferner gilt es, bei der Standortstrategie auch den technologischen Fortschritt genauestens im Auge zu behalten. Aufstrebende Technologien wie Augmented Reality oder 3D-Druck bieten neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit und haben einen Einfluss auf die bestehenden Entwicklungs- und Produktionsstandorte.

Analysen & Perspektiven

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Customs & Global Trade Management

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