Perspectives

CRR III/CRD VI: Umsetzung der Basler Eigenmittelanforderungen ("Basel IV") in der Europäischen Union

Der Entwurf des nächsten EU-Bankenregulierungspakets wurde am 27. Oktober 2021 veröffentlicht 

Nach längerer Verzögerung liegen nunmehr die Vorschläge der Europäischen Kommission zu CRR III und CRD VI vor. Damit werden nun die letzten Schritte zur Übernahme des überarbeiteten Basler Rahmenwerks in der Europäischen Union eingeläutet.

Veröffentlichung des CRR III-Entwurfs

Fast vier Jahre nach der finalen Veröffentlichung des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (BCBS) hat die EU-Kommission in ihrer Sitzung vom 27. Oktober 2021 einen ersten Entwurf der CRR III verabschiedet. Der Entwurf des Bankenregulierungspakets ist der offizielle Startschuss für die Umsetzung des finalen Basel III-Rahmenwerks („Basel IV“) auf EU-Ebene. 

Der vorliegende CRR III-Entwurf umfasst insbesondere weitreichende Änderungen im Kreditrisikostandardansatz (KSA), dem auf internen Ratings basierenden Ansatz (IRBA) sowie bei den Eigenmittelanforderungen für operationelle Risiken. Zudem wird – in einem mehrjährigen
Übergangszeitraum – der sogenannte Output Floor in der EU eingeführt, der den Nutzen aus der Anwendung interner Ratings bzw. Risikomodelle zukünftig begrenzt.

Nachdem der BCBS den ursprünglichen Umsetzungszeitplan – mit Blick auf die Diskussionen zum Output Floor und vor allem angesichts der Covid-19-Pandemie – um ein Jahr auf das Jahr 2023 nach hinten verschoben hat, sieht der Kommissionsentwurf die Erstanwendung sogar erst für das Jahr 2025 vor. Dies ist zum einen auf den jetzt erst beginnenden Legislativprozess zwischen EU-Kommission, -Rat und -Parlament zurückzuführen. Zum anderen verdeutlicht der verlängerte Umsetzungszeitraum die Tragweite der Anstrengungen, welche die Umsetzung des Regulierungspaketes allen Banken abverlangen wird. 

 

Weitreichende Implikationen für alle Banken – ungeachtet der Größe und des Geschäftsmodells

Die neuen Vorschriften beziehen sich auf sämtliche Risikoarten und betreffen alle Banken – unabhängig davon, ob diese aktuell Standardansätze oder interne Modelle zur Ermittlung ihrer risikogewichteten Aktiva (RWA) anwenden. Mit Umsetzung des Output-Floors müssen alle Häuser mit internen Modellen die RWA-Berechnungen nach den Standardansätzen für ihr gesamtes Portfolio umsetzen. Für Institute bzw. Institutsgruppen, die ein internes Modell verwenden und gleichzeitig aber durch den Output-Floor eingeschränkt sind, werden die effektiven Kapitalanforderungen regelmäßig nach den RWA auf Basis der Standardansätze determiniert. Einige dieser Banken verfügen derzeit noch nicht oder nicht mehr über die nötigen Voraussetzungen, um die RWA nach Standardansätzen in einem Regelprozess zu ermitteln, und müssen entsprechende Investitionen tätigen. 

Aus den beschlossenen Modifikationen ergeben sich dabei nicht nur Herausforderungen in Bezug auf die konkrete Umsetzung der neuen Anforderungen im Rahmen der Risikoermittlung. Im Fokus dürften vielmehr mit Blick auf die veränderten Kapitalanforderungen auch strategische Fragestellungen beispielsweise im Hinblick auf bestehende Geschäftsfelder oder die Sinnhaftigkeit einer Weiterentwicklung von internen Modellen stehen. Diese machen eine frühzeitige Analyse der Neuerungen erforderlich.

 

Kreditrisikostandardansatz (KSA)

Der EU-Kommissionsentwurf zum neuen KSA adaptiert weitestgehend die Vorschläge des BCBS, womit auch auf EU-Ebene zukünftig eine risikosensitivere Eigenkapitalunterlegung im Standardansatz erreicht werden soll. Hierbei sind u.a. der Wegfall des Sitzlandratings bei unbeurteilten Instituten, die umfangreichen Neuerungen bei der Risikogewichtsableitung von Immobilienfinanzierungen sowie die privilegierte Risikogewichtung von bestimmten Zusagen im Mengengeschäft (sog. „Transactors“) zu nennen.

In Ergänzung zu den bestehenden Basler Beschlüssen enthält der CRR III-Entwurf aber ebenfalls mehrere neue Vorschläge, die für eine zusätzliche Risikodifferenzierung im KSA auf EU-Ebene beitragen dürften:

  • CCF: Während die seitens des BCBS vorgeschlagenen Umrechnungsfaktoren (CCF) von 10% und 40% bei Kreditzusagen übernommen werden, macht die EU von einem diskretionären Spielraum der Basler Beschlüsse Gebrauch. Zusagen gegenüber kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMUs) können unter bestimmten Bedingungen auch weiterhin einen CCF von 0% erhalten.
  • Spezialfinanzierungen: Neben der bereits vom BCBS beschlossenen neuen Risikogewichtung von Spezialfinanzierungen im KSA soll auf EU-Ebene eine granularere Risikogewichtung für Objektfinanzierungen zur Anwendung kommen. In Ergänzung zur in der CRR II bereits umgesetzten Besserstellung von qualifizierenden Infrastrukturprojekten soll durch die CRR III nun auch eine Privilegierung von „high quality“ Objektfinanzierungen ermöglicht werden.
  • Durch Immobilien besicherte Positionen: 

- In Ergänzung zu den auch auf EU-Ebene übernommenen Neuerungen bei der Risikogewichtsableitung von Immobilienfinanzierungen schlägt die Kommission vor, dass Banken in der EU weiterhin die Möglichkeit haben, den aktuellen Immobilienwert für die Ermittlung des Beleihungsauslaufs mit einigen Einschränkungen zu verwenden. Der BCBS stellt hingegen grundsätzlich auf den Immobilienwert zum Zeitpunkt der Kreditvergabe ab.

- Darüber hinaus soll die Risikogewichtung von Immobilienfinanzierungen, deren Rückzahlung sich ausschließlich aus dem durch die finanzierte Immobile generierten Cashflow (Income Producing Real Estate, IPRE) speist, der Risikogewichtung von „non IPRE“ gleichgestellt werden. Voraussetzung hierfür ist, dass Verluste bei Immobilien in einem Mitgliedstaat bestimmte Grenzwerte nicht überschreiten und die Verluste für den Mitgliedstaat insgesamt als nachweislich gering eingeschätzt werden (sog. Hard Test).

 

Auf internen Ratings basierende Ansatz (IRBA)

Die Vorschläge der EU-Kommission in Bezug auf die Überarbeitung des IRBA bestätigen die Beschlüsse des BCBS in Bezug auf die Einschränkung des IRBA-Anwendungsbereichs. Dies betrifft insbesondere den Wegfall des fortgeschrittenen IRBA für Forderungen an Banken und Großunternehmen (konsolidierter Umsatz > 500 Mio. EUR) sowie den grundsätzlichen Wegfall des IRBA für Beteiligungspositionen. Darüber hinaus ist auch auf EU-Ebene die Einführung von Untergrenzen bei der Schätzung institutseigener Risikoparameter (sog. Input-Floors für PD, LGD und CCF) vorgesehen. Als Konsequenz aus diesen Einschränkungen sieht der EU-Kommissionsvorschlag daher die folgenden grundlegenden Neuerungen bei bestehenden sowie zukünftigen IRBA-Zulassungen vor:

  • Opt-Out-Klausel für IRBA-Institute: Im CRR III-Entwurf wird IRBA-Banken einerseits die Möglichkeit eingeräumt, alle oder ausgewählte IRBA-Zulassungen über einen Zeitraum von drei Jahren nach Einführung der CRR III unter bestimmten Voraussetzungen zurückzugeben.
  • Erhöhte Flexibilität bei zukünftigen IRBA-Zulassungen: Andererseits soll zukünftig die IRBA-Zulassung auch auf Ebene einzelner Risikopositionsklassen ermöglicht werden, sodass eine „selektivere“ Nutzung des IRBA möglich wird. Die derzeitigen Regelungen zur Überführung aller Portfolien in den IRBA (mit wenigen Ausnahmen) sowie die damit zusammenhängende Einhaltung des sog. IRBA-Abdeckungsgrads auf Gesamtbankebene verlieren somit an Relevanz.

 

Operationelle Risiken

In Bezug auf die Ermittlung der operationellen Risiken setzen die EU-Vorschläge das Bestreben des BCBS um, einen einheitlichen Ansatz zu implementieren. Auch die diesem Standardansatz zugrunde liegende Methodik wird von der EU grundsätzlich übernommen. So beinhaltet die Berechnungsformel (weiterhin) einen auf Ergebniskomponenten des jeweiligen Instituts basierenden Indikator (Business Indicator, kurz: BI). Der Kommissionvorschlag zur CRR III führt gleichwohl zu einer wichtigen Abweichung von den Vorschlägen des BCBS: Die institutsspezifische Verlusthistorie soll nicht in die Eigenmittelanforderungen einfließen. Der BCBS hatte an dieser Stelle zumindest für größere Häuser den Internal Loss Multiplier (ILM) vorgesehen. Institute/-gruppen, deren BI den Schwellenwert von 750 Mio. EUR übersteigt, sind indes nach CRR III verpflichtet, ihre Verlusthistorie im Rahmen der Offenlegung publik zu machen.

Der ambitionierte Messansatz (AMA) als interner Ansatz für operationelle Risiken fällt mit der CRR III weg.

 

CVA

Mit Blick auf die Ermittlung der CVA-Charge folgt der EU-Kommissionsentwurf weitestgehend den Vorschlägen des BCBS und dessen Bestrebungen einer risikosensitiveren Kapitalunterlegung. Die wesentlichen inhaltliche Änderungen umfassen u.a.: 

  • die Anpassung von Deltarisikogewichten innerhalb einzelner Risikoklassen (Reduktion um teils ca. 50%), 
  • die Verwendung pauschaler Vega-Risikogewichte (100% bzw. 78%) an Stelle einer formelbasierten Ermittlung sowie 
  • die Einführung neuer Buckets für bestimmte Indizes sowie die Überarbeitung der Formel zur Aggregation der Kapitalanforderungen über die verschiedenen Kategorien des CVA-Risikorahmens zur Anpassung an das Rahmenwerk für Marktpreisrisiken.

Ergänzender Handlungsbedarf ergibt sich zudem aus dem Ausschluss einiger Wertpapierfinanzierungsgeschäfte aus dem Anwendungsbereich des CVA-Rahmenwerks sowie der Anpassung der aggregierten Multiplikatoren im Standard- und Basisansatz. 

 

Output-Floor

Auch beim lange und kontrovers diskutierten Output-Floor hat sich die EU-Kommission letztlich den Vorschlägen des BCBS grundsätzlich angeschlossen. Demnach beinhaltet der Kommissionsentwurf einen aggregierten Floor, der über alle Risikoarten hinweg zu ermitteln ist.

Im Hinblick auf die bisher vom BCBS nicht thematisierte und daher in der EU kontrovers diskutierte Anwendungsebene des Floors bei Gruppen hat sich die Kommission für einen abgestuften Ansatz entschieden. Dabei ist der Output-Floor grundsätzlich zunächst nur auf der höchsten Konsolidierungsebene sowie von Instituten, die keiner EU-Institutsgruppe angehören, anzuwenden. Im Falle von Gruppen, deren Institute ihren Sitz in unterschiedlichen Mitgliedstaaten haben, erfolgt eine anteilige Verteilung der Floor-Effekte auf teilkonsolidierter bzw. Einzelinstitutsebene. Demgegenüber müssen Institute mit einer Mutter im gleichen Mitgliedsstaat die Floor-Effekte bei der Ermittlung der Eigenmittelunterlegung auf Einzelinstitutsebene nicht berücksichtigen.

Um die Effekte des Output-Floors auf die Eigenmittelanforderungen abzufedern, sieht der Kommissionsentwurf analog zu den Vorgaben des BCBS eine mehrjährige Übergangsperiode vor. Durch das spätere Erstanwendungsdatum der CRR III verlängert sich die Übergangsphase bis zum 31. Dezember 2029. Neben diversen Erleichterungen bei der Ermittlung der Berechnungsbasis für den Output-Floor im KSA sehen die Übergangsvorschriften vor, dass die Kapitalanforderungen 125% der RWA vor Floor nicht übersteigen sollen. 

 

Neue Vorschriften der CRD VI

Ergänzend zu den Änderungen bei den Eigenmittelanforderungen beinhaltet die CRD VI weitere neue Vorschriften, die meist ohne Entsprechung im Basler Rahmenwerk sind. Besonders hervorzuheben sind hier die Neuerungen bei der Beaufsichtigung der Niederlassungen von Instituten aus Drittlandstaaten (Third Country Branches), die umfassend überarbeitet werden, um aufsichtliche Arbitrage zu erschweren.

Weitere Bestimmungen betreffen u.a. die Eignung von Geschäftsleitern (“fit & proper”) sowie die Regelungen zum SREP und zur Einbeziehung von ESG-Faktoren in das Risikomanagement. In diesem Kontext ist hervorzuheben, dass Kapitalanforderungen, die z.B. im Rahmen des SREP als Prozentsatz aufgeschlagen werden, betragsmäßig “eingefroren” werden sollen, sobald der Output-Floor greift. Die zuständigen Aufsichtsbehörden sollen in diesem Fall die Aufschläge neu festlegen, um beispielsweise eine Doppelunterlegung von Modellrisiken zu vermeiden.

Während die CRR III wie beschrieben erst 2025 angewendet werden soll, wird das Inkrafttreten der CRD VI voraussichtlich kurz nach Verabschiedung sein. Es ist allerdings zu erwarten, dass der Legislativprozess frühestens 2023 abgeschlossen sein wird. Die CRD VI ist dabei als Richtlinie anschließend noch in nationales Recht zu überführen.

 

Weitere Begleitung bei der Analyse der CRR III

Als Ihre Ansprechpartner rund um die Basel IV-Umsetzung auf EU-Ebene werden wir die aktuellen Diskussionen und zukünftigen Entwicklungen zur
CRR III für Sie weiter eng begleiten. Freuen Sie sich jetzt schon auf unseren Webcast (Anmeldung Webcast), in welchem wir Ihnen die neuen EU-Regelungen vorstellen und die hierdurch zu erwartenden Herausforderungen und Implikationen diskutieren.

 

Ihre Ansprechpartner zum Thema:

 

Dr. Gil Opher | FSI Audit and Assurance

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Dr. Christian Farruggio | Financial Industry Risk & Regulatory

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