Future of Work

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Unternehmen als lernende Organisationen

Interview mit Dr. Elisabeth Denison 

Die Digitalisierung ist für Unternehmen kein Selbstläufer. Sie müssen ihr Ökosystem öffnen und in ganz neuen Dimensionen denken, sagt Dr. Elisabeth Denison, Chief Strategy & Talent Officer von Deloitte im Interview.

Frau Dr. Denison, Mensch und Maschine arbeiten zunehmend Hand in Hand. Wird in der Berufswelt von morgen ein Computer mein liebster Kollege sein?
Ob es der liebste Kollege wird, ist schwer zu sagen. Aber eines ist klar: Mit der Digitalisierung werden wir ein digitales Miteinander von Mensch und Maschine erleben. In diesem Miteinander bleibt der Mensch der kreative Kopf, der mit unkonventionellem Denken Erfolg und Richtung vorgibt.

Teilweise ist das schon heute Realität: Der Mensch denkt und die Maschine nimmt ihm belastende Aufgaben ab – etwa in der Produktionskette im Autobau. Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt?
In der Geschichte haben wir das schon einige Male erlebt: Neue Technologien schaffen Freiräume, um sich neuen Themen und Herausforderungen zu stellen – so ist es auch mit der Digitalisierung. Innovation funktioniert schon immer auf diese Weise und jede Entwicklung bringt wieder neue Chancen und neue Jobs. Wir haben dazu Studien, die belegen, wie viele neue Jobs die Digitalisierung bereits hervorgebracht hat.

Dr. Elisabeth Denison
Dr. Elisabeth Denison, Chief Strategy & Talent Officer

Welche sind konkrete Beispiele für diese Neuschaffungen?
Im produktiven Bereich geht es natürlich um Automatisierung, also um Robotertechnik. In den wissensbasierten Branchen geht es um Artificial Intelligence. In dem Fall übernimmt der Computer zusätzlich zu den repetitiven auch kreative Aufgaben. Beispiel ist die Compliance Robotic: Banken geben ihre Fragen zu dem Thema an den Roboter, der das regulatorische Umfeld kennt und mit jeder Problemlösung für die nächste Frage dazulernt. So kann er beinahe in Echtzeit Antworten liefern, für die es zuvor einen Service-Mitarbeiter brauchte.

Das bedeutet, dass sich der Mitarbeiter – ob bei einer Bank oder anderswo – neue Aufgaben stellen muss. Welche Kompetenzen brauchen Berufsanfänger, um auf einem sich wandelnden Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu sein?
Gerade Analyse-Kenntnisse und Daten-Kompetenz sind gefragt, denn mit Daten-Modellen müssen sie zukünftig in jedem Job umgehen können. Denken Sie an das Curriculum einer Hochschule für Marketing: Das muss ganz neu gedacht werden, weil die Absolventen ganz andere Kanäle nutzen, mit ganz anderen Daten arbeiten und Big-Data-Auswertungen einbeziehen müssen. Das zieht sich durch alle Branchen.

 

„Im digitalen Zeitalter müssen Unternehmen ihr Ökosystem für branchenfremde Akteure öffnen.“

Dr. Elisabeth Denison 

 

Solche Fähigkeiten müssen gefördert werden. Sehen Sie dabei vor allem Unternehmen oder vielmehr den öffentlichen Bildungsbereich in der Pflicht?
Das gelingt nur in einem Zusammenwirken der beiden. Ein Berufsleben wird nicht mehr nur auf einer Ausbildung als Grundlage aufbauen. In der Zukunft geht es um lebenslanges Lernen, denn das Wissen erneuert sich sehr schnell. Um es umsetzen zu können, brauchen wir einerseits eine Bildungsreform im Staat und andererseits strategisches Investment der Unternehmen. Die müssen sich im Prinzip zu einer lernenden Organisation wandeln. Wir selbst haben beispielsweise die Deloitte University mit bisher drei Standorten weltweit gegründet. Dort vermitteln wir unseren Mitarbeitern die Leadership-Skills der Zukunft.

Deloitte ist ein Unternehmen, das sich ohnehin global auf Zukunftsthemen ausrichtet. Aber wie steht es um die Bildungslandschaft hierzulande?
Deutschland ist für die neuen Herausforderungen nicht ausreichend vorbereitet. Im Hochschulbereich tut sich schon viel: Interdisziplinäre Studiengänge werden immer zahlreicher, sodass sich die Universitäten nach und nach von dem sogenannten Silodenken abwenden. Aber wir müssen schon früher ansetzen. Die Vermittlung von Digitalkompetenzen darf nicht erst an der Hochschule, sondern muss schon in der Schule beginnen. Ich bin selbst Mutter zweier Kinder in der siebten und achten Klasse. Digitale Inhalte sind im Curriculum einfach nicht verankert. Wie sollen junge Menschen digitale Technologien verantwortungsbewusst nutzen, wenn die Schule diese Technologien gar nicht lehrt? Letztlich kennen sie Smartphones, Laptops und Spielekonsolen nur im spielerischen Gebrauch.

Deutsche Hochschulen arbeiten bereits interdisziplinär. Wie steht es um die Netzwerke deutscher Unternehmen?
Für die Future of Work müssen Unternehmen ganz neu denken. Know-how und Spezialisten finden sie zunehmend in einem unkonventionellen Netzwerk. Im digitalen Zeitalter müssen Unternehmen ihr Ökosystem für branchenfremde Akteure öffnen und in ganz neuen Geschäftsfeldern denken. In jeder Branche gibt es vielfältige Möglichkeiten, wenn man offen ist und nicht konventionell in den alten Strukturen des Unternehmens und Geschäftsmodells denkt.

 

"Ein Berufsleben wird nicht mehr nur auf einer Ausbildung als Grundlage aufbauen. In der Zukunft geht es um lebenslanges Lernen, denn das Wissen erneuert sich sehr schnell." 

Dr. Elisabeth Denison