Herausforderungen Onlinevertrieb Textilhandel

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Der Textilhandel

Onlinevertrieb als Herausforderung und Chance für den stationären Einzelhandel

Carsten Lehberg

Forum RSI - Aktuelle Themen aus Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz | Juni 2016

Deutschland ist weiterhin der größte europäische Markt für Bekleidung (Volumen ca. 60 Mrd. EUR). Auch die Pro-Kopf-Ausgaben liegen über dem europäischen Durchschnitt (ca. 700 EUR). Dabei stellt die Damenmode den bedeutendsten Anteil dar (55%), vor der Herrenmode (31%) und der Kindermode (14%). Allerdings weist der Markt nur ein geringes Wachstum auf; in den vergangenen Jahren lag er bei durchschnittlich ca. 1,1%; für die kommenden Jahre werden lediglich 1,2% prognostiziert. Die Gründe hierfür liegen im Wesentlichen in einem anbieter- und konsumentenseitigen Strukturwandel.

Abb 1 - Umsatzentwicklung im deutschen Bekleidungshandel

Konsumverhalten

Konsumentenseitig prägen die demografische Entwicklung und das geänderte Konsumverhalten die Entwicklung. Die alternde und rückläufige Bevölkerungsentwicklung wird sich in den kommenden Jahren dämpfend auf die Marktentwicklung auswirken. Es ist zu erwarten, dass auch der Anteil der privaten Konsumausgaben für Bekleidung weiter zurückgeht (1991: 7,9%; 2013: 4,9%). Gründe dafür sind einerseits, dass Konsumenten für andere Lebensbereiche höhere Ausgaben tätigen (z.B. Wohnen, Kommunikation, Gesundheit), andererseits die Akzeptanz der zunehmenden Anzahl an Textilanbietern im Niedrigpreissegment.

Der deutsche Markt ist zudem noch durch eine Vielzahl kleinerer Anbieter gekennzeichnet (Durchschnittsumsatz pro Einzelhändler beträgt lediglich 1,2 Mio. EUR). Es ist allerdings ein zunehmender Konzentrationsprozess festzustellen (Rückgang der Anzahl der Händler um ca. 5000 im Zeitraum von 2007 bis 2012). Parallel dazu drängen große internationale Bekleidungsketten auf den deutschen Markt, sowohl klassische Händler als auch vertikal integrierte Anbieter. Diese verschärfen nicht nur den Wettbewerb um die 1A-Lagen in den Innenstädten mit der Folge von Mietpreissteigerungen, sondern heizen im Kampf um Marktanteile auch den Preiskampf weiter an – zur Freude der Verbraucher, welche damit in die Lage versetzt werden, preisgünstig und dennoch modebewusst zu konsumieren.

Daneben existieren weitere Herausforderungen durch Erfordernisse des Konsumverhaltens: Der schleichende Wegfall der klassischen Saisonzyklen erfordert veränderte Einkaufs- und Bestandsmanagement-Prozesse. Zusätzlich lässt sich auch ein Trend zu einem stärker ausgeprägten ethischen Konsumverhalten beobachten, auf das die Händler mit Sortimentsgestaltung und Lieferanten-Screening reagieren müssen.
 

Vertriebskanäle

Schließlich findet auch eine deutliche Verschiebung zwischen den Vertriebskanälen statt. Der Distanzhandel, insbesondere getrieben durch die Online-Händler, konnte seinen Umsatzanteil im Zeitraum 2009 bis 2014 um mehr als 60% erhöhen. Demgegenüber wies der Gesamtmarkt im gleichen Zeitraum nur ein Wachstum von etwa 6% auf.

Abb. 2 - Distanzhandel vs. Gesamtmarkt

Management der Herausforderungen

Zusammenfassend bestehen die folgenden Herausforderungen für den Textileinzelhandel, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern:

  • Investitionen in den Marktauftritt, d.h. Omni-Channel-Strategie - zielgerichtete Verbindung von Online-Handel und stationärem Handel (Vertrieb)
  • Investitionen in Prozesse zur besseren Steuerung der Supply Chain und damit auch der Profitabilität (Effizienz)
  • Erhöhung Einkaufsvolumen zur Konditionenverbesserung als Reaktion auf zunehmenden Preisdruck

 

Studie Textilhandel

Die Möglichkeiten von Investitionen sind abhängig von der Finanzierungs- und Kapitalausstattung. Im Rahmen einer von Deloitte durchgeführten Studie wurden Geschäftsberichte von 31 deutschen Bekleidungseinzelhändlern analysiert. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Durchschnittsrendite liegt bei lediglich 3,1%; 1/5 der Unternehmen arbeiten mit operativen Verlusten. Vor diesem Hintergrund ist für viele Unternehmen der Branche die Kapitalaufnahme erschwert.

Abb. 3: Umsatzrentabilität ausgewählter Einzelhändler
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