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Restrukturierung in der Automobilindustrie - Der perfekte Sturm?!

Fünf Fragen an Dr. Thomas Sittel, Partner bei Deloitte im Bereich Restrukturierung

Die großen Autobauer sind mitten im Umbruch. Doch auch die gesamte Zulieferer- und Automobilindustrie steht vor zahlreichen Restrukturierungen. Welche Herausforderungen kommen auf die Akteure zu? Und was bedeutet dies für den M&A-Markt im Automotive-Bereich? Dr. Thomas Sittel berät seine Kunden entlang der Kernfragen ihrer unternehmerischen Aktivitäten, insbesondere Mergers & Acquisitions (M&A), Finanzierung und Transformation/Restrukturierung. Mit über 22 Jahren Berufserfahrung hat er umfangreiche Expertise in der Strukturierung komplexer, meist grenzüberschreitender M&A-Transaktionen.

Q: Sie wurden in der FINANCE-Ausgabe Mai/Juni 2019 mit den Worten „Auf die Automobilindustrie könnte ein perfekter Sturm zukommen“ zitiert. Was ist mit dieser Aussage gemeint?

A: Gemeint ist das seltene und zeitgleiche Zusammentreffen verschiedener Faktoren, welche die Automobilindustrie erheblich belasten können.
Denn die Branche ist aktuell sowohl politischen, konjunkturellen aber auch strukturellen Themen ausgesetzt: Eine Zuspitzung des Handelskonflikts mit den USA und die konjunkturellen Unsicherheiten sind kurzfristige Aspekte, welche die Topline der Hersteller und Zulieferer unter Druck setzen könnten. Elektromobilität, Digitalisierung – und nicht zu vergessen der Megatrend „Share Economy“ – sind darüber hinaus mittel- bis langfristige Trends, welche die Branche mit Blick auf Umsatz, Kosten und Invest belasten werden.

 

Q: Die Elektromobilität setzt neben den großen Autobauern gerade auch die Zulieferer unter Druck. Welche Risiken und Herausforderungen sehen Sie für Zulieferer im Besonderen?

A: Zunächst gelten die oben für die gesamte Branche genannten Herausforderungen gleichermaßen für die Zulieferer, denn die Absatzmengen drohen auch hier weiter abzusinken. Mittel- bis langfristig sind hiervon natürlich insbesondere diejenigen Zulieferer betroffen, deren Produkte vom Verbrennungsmotor abhängig sind.
 

Darüber hinaus laufen bekanntermaßen bei den Herstellern (OEMs) aktuell umfangreiche Kosteneinsparungsprojekte. Jeder Stein wird umgedreht, um Kosten und Cash zu sparen. Es gab in der Historie nicht einen Fall in der Industrie, bei dem von solchen Kostenprogrammen nicht auch die Lieferanten erfasst wurden. Da viele Zulieferer bereits jetzt mit sehr dünnen Margen arbeiten, droht hier einiges Ungemach. Hinzu kommt, dass insbesondere bei den „nachrangigen“ Zulieferern ein erheblicher Konsolidierungsbedarf besteht, da eine hohe Fragmentierung vorliegt.

 

Q: Ihre Prognose für die Zukunft: Wie wird sich die Zahl der Restrukturierungen in der Automobilindustrie in den nächsten Jahren entwickeln? Und warum?

A: Bereits seit ein paar Monaten ist zu erkennen, dass die Anzahl der Restrukturierungsfälle in der Automobilindustrie geradezu sprunghaft angestiegen ist. Auslöser hierfür war in erster Linie die weltweite Umstellung und Vereinheitlichung der Testverfahren, Stichwort „Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure“ (WLTP), die zu Produktionsstopps im 2. Halbjahr 2018 geführt hat. Gleichzeitig ist die globale Nachfrage deutlich zurückgegangen, was für die exportorientierte Automobilindustrie in Deutschland deutlich spürbar ist.

Die beschriebenen wirtschaftlichen Unsicherheiten werden diesen Trend weiter befeuern. Sollte das Verbrauchervertrauen als typisch nachlaufender Indikator dann auch noch einbrechen, droht weiteres Ungemach.

 

Q: Was bedeutet all dies für M&A-Transaktionen im Automobil-Umfeld?

A: Der M&A-Markt ist generell ein zartes Pflänzchen. So ist es nicht verwunderlich, dass die aktuellen Unsicherheiten bereits zu einer Eintrübung des allgemeinen M&A-Umfeldes geführt haben. Die Anzahl der Transaktionen ist in Q4/2018 sowie Q1/2019 im Vorjahresvergleich deutlich rückläufig.

Dem kann sich die Automobilindustrie auch nicht entziehen – verständlich, wenn man an den drohenden „Sturm“ denkt. Wenn man eine Stufe tiefer geht und die Sub-Branchen betrachtet, so ist es nicht verwunderlich, dass Zulieferer mit Technologie im Bereich Verbrennungsmotor aktuell sehr schwer zu verkaufen sind. Private Equity, aber beispielsweise auch asiatische Investoren, machen hier einen großen Bogen, was sich dann auch in den Bewertungsniveaus zeigt.

 

Q: Fernab der Automobilindustrie: Was sind zentrale Trends für Restrukturierungen in allen Branchen?

A: Vor dem Hintergrund der disruptiven und strukturellen Veränderungen in fast allen Branchen in den letzten Jahren werden nachhaltige Restrukturierungen deutlich herausfordernder und damit auch risikoreicher. Liquiditätssicherung und „Cost Cutting“ allein sind längst nicht mehr ausreichend, da der Umbau ganzer Geschäftsmodelle notwendig ist. Und die erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen im Produkt- und Kundenportfolio sowie im Geschäftsmodell und der Marktpositionierung bergen ein hohes Risiko, sind zeitaufwendig und bedürfen meist eines hohen Invests. Dies wird Eigen- wie auch Fremdkapitalgeber vor schwierige Entscheidungen stellen.

Q: Zu guter Letzt: Wie digital sind mittlerweile Restrukturierungsprozesse selbst?

A: Die Digitalisierung von Restrukturierungsprozesse beschäftigt die gesamte Beratungsbranche stark. Dabei geht es in erster Linie um die Entwicklung von Tools für die Analyse von Unternehmen. Ein weiteres Thema ist aber auch die Digitalisierung von Gutachten und Businessplänen, um den Transfer der Daten an die Beteiligten zu vereinfachen.
Wir investieren schon seit einigen Jahren ganz erhebliche Mittel in die Digitalisierung. Und bei uns hat sie unter dem Stichwort „Restructuring Services Analytics“ bereits Eingang in unsere Projekte gefunden. Process Bionics, Big Data Analytics und auch die Nutzung künstlicher Intelligenz bei strategischen Szenario- und Wettbewerberanalysen sind nur einige Produkte.

Am Ende müssen die Restrukturierungsmaßnahmen jedoch auch umgesetzt werden. Und dafür sind immer noch Menschen verantwortlich und erforderlich.

 

Quelle: Finance Magazin, Ausgabe: FINANCE -Mai/Juni 2019
www.finance-magazin.de